Die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit bestand darin, die Bewegung nicht mehr auf herausgehobene Momente, sondern auf jeden beliebigen Moment zu beziehen. Soweit die Bewegung überhaupt noch zusammengesetzt wurde, tat man dies nicht mehr von transzendenten Formelementen (Posen) aus, sondern anhand immanenter materieller Elemente (Schnitte). Statt einer intelligiblen Synthese wurde eine sinnlich anschauliche Analyse der Bewegung vorgenommen. So entstand die neuzeitliche Astronomie, als Umlaufbahn und Umlaufzeit in Relation gesetzt wurden (Kepler); die neuzeitliche Physik, als der zurückgelegte Weg eines fallenden Körpers mit der Fallzeit verbunden wurde (Galilei); die moderne Geometrie, als man die Gleichung einer ebenen Kurve entwickelte, das heißt die Position eines Punktes auf einer beweglichen Geraden in einem beliebigen Moment ihres Verlaufs (Descartes); schließlich die Infinitesimalrechnung, als man daran ging, sich unendlich annäherbare Schnitte vorzustellen (Newton, Leibniz). Überall ersetzte die mechanische Abfolge beliebiger Momente die dialektische Ordnung von Stellungen: »Die moderne Wissenschaft muß besonders durch ihr Streben definiert werden, die Zeit als unabhängige Variable zu fassen.«³

Allem Anschein nach ist der Film der jüngste Abkömmling dieser von Bergson freigelegten Linie. Man könnte sich eine Reihe von Fortbewegungsmitteln (Eisenbahn, Auto, Flugzeug …) und parallel dazu eine Reihe von Ausdrucksmitteln (Graphik, Foto, Film …) vorstellen: die Kamera erschiene dann als eine Art Relais oder besser noch als ein verallgemeinertes Äquivalent der Fortbewegungen.

- gilles deleuze, kino 1: das bewegungs-bild

1 note

Show

  1. escapisticfragments posted this